Buße ist nicht mehr "in"

Heute feiern wir in der evangelischen Kirche den Buß- und Bettag. Doch in der Stadt geht alles seinen gewohnten Gang. Was ist los mit diesem Feiertag? Geopfert wurde er vor vielen Jahren, weil bei der Einführung der Pflegeversicherung die Arbeitgeber keine Lust hatten, die Beiträge gemeinsam mit den Arbeitnehmern zu zahlen. Seitdem zahlen nur die Arbeitnehmer und müssen obendrein mit einem Arbeitstag mehr die Arbeitgeberbeiträge "einarbeiten". Und um das Chaos zu vollenden, gab man den Kindern in der Schule aus Angst vor Elternprotesten schulfrei.

Auch inhaltlich passt diese Entwicklung nach wie vor gut ins Bild. Es ist nicht "in", einen Fehler einzugestehen - im Großen wie im Kleinen. Politiker sagen dann "... sofern der Eindruck entstanden sein sollte" oder ähnliches. Steuer"sündern" fehlt oft jegliches Schuldbewusstsein. Und ganz selbstkritisch müssen wir feststellen, dass wir im Kleinen uns auch gerne darum herumdrücken, einen Fehler zuzugeben.

Dabei war es einmal ein gesellschaftlicher Konsens, dass es gut ist, wenn man einmal oder mehrmals im Jahr innehält und sich dem Scheitern und Versagen stellt. Solche Bußtage sind nämlich keine kirchliche Erfindung, sondern wurden früher von den weltlichen Fürsten und Obrigkeiten angeordnet. Davon sind wir heute weit entfernt. Wahrscheinlich wird es nicht einmal 2017 zu einer einmaligen Ausnahme reichen. Wenn es aber nur zu schönen Reden von Umkehr reicht, nicht aber zu wirklichem Handeln, ist das auch nicht nötig.

Martin Schulte